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Arthrose in Knie und Hüfte: Was vor der Operation kommt

Was Arthrose bedeutet – und was der Begriff nicht sagt

Arthrose ist der Verschleiß eines Gelenks. Der Knorpel, der die Gelenkflächen überzieht, wird dünner, der Knochen darunter verändert sich, Kapsel, Bänder und Muskulatur passen sich an. Am Knie spricht man von Gonarthrose, an der Hüfte von Coxarthrose.

Der Begriff klingt endgültiger, als der Verlauf ist. Arthrose schreitet selten gleichmäßig voran: Phasen mit deutlich stärkeren Beschwerden – eine aktivierte Arthrose mit Schwellung und Überwärmung – wechseln mit ruhigen Abschnitten, in denen wenig zu spüren ist.

Und: Zwischen Röntgenbild und Beschwerden besteht nur ein lockerer Zusammenhang. Es gibt stark veränderte Gelenke, die kaum wehtun, und mäßig veränderte, die den Alltag bestimmen. Deshalb richtet sich die Behandlung nach Beschwerden und Funktion, nicht nach dem Bild.

Konservativ heißt nicht abwartend

„Konservativ“ bedeutet in der Medizin schlicht: ohne Operation. Das Missverständnis dahinter ist verbreitet – viele hören „erst mal nichts machen“. Gemeint ist das Gegenteil. Ein konservatives Arthrose-Programm ist Arbeit, und der größte Teil davon findet nicht in der Praxis statt, sondern zwischen den Terminen.

Es stützt sich auf vier Säulen: Bewegung, Gewicht, Schmerzbehandlung und Hilfsmittel samt Anpassungen im Alltag. Keine davon wirkt allein besonders stark; zusammen und über Monate durchgehalten, tragen sie viele Menschen über Jahre.

Bewegung: der Kern des Ganzen

Bewegungs- und Kräftigungstherapie ist bei Knie- und Hüftarthrose Basismaßnahme und gut untersucht. Der Nutzen entsteht über mehrere Wege: kräftige Muskulatur führt und stabilisiert das Gelenk, Koordination schützt vor Fehlbelastung, und Knorpel wird über Bewegung ernährt – er hat keine eigenen Blutgefäße und lebt vom Wechsel aus Be- und Entlastung.

Bewährt haben sich gelenkschonende Belastungen: Radfahren, Schwimmen und Wassergymnastik, zügiges Gehen auf ebenem Grund, dosiertes Krafttraining für Oberschenkel-, Gesäß- und Rumpfmuskulatur.

Zwei Punkte sind wichtiger als die Auswahl der Übung:

  • Regelmäßigkeit vor Intensität. Zwei- bis dreimal pro Woche über Monate schlägt eine anstrengende Woche im Januar.
  • Verträglichkeit im Blick behalten. Beschwerden, die nach Belastung zunehmen und sich binnen eines Tages wieder auf das Ausgangsniveau legen, sind üblich. Nimmt der Schmerz über mehrere Tage zu, gehört das Programm angepasst – besprochen, nicht abgebrochen.

Physiotherapie: was dort tatsächlich passiert

Physiotherapie wird ärztlich verordnet. Am Anfang steht eine Befundung: Beweglichkeit, Kraft, Gangbild, Ausweichbewegungen. Daraus entsteht ein Programm, das oft manuelle Techniken, Anleitung zu Übungen und Gangschulung verbindet.

Der eigentliche Wirkstoff ist das Heimprogramm. Ein Rezept umfasst eine begrenzte Zahl von Terminen; was danach bleibt, ist das, was Sie selbst übernehmen konnten. Fragen Sie am Ende der Serie ausdrücklich danach: Welche Übungen, wie oft, wie lange, woran erkenne ich Fortschritt?

Für längerfristige Begleitung gibt es außerdem Rehabilitationssport und Funktionstraining in Gruppen. Beides wird ärztlich verordnet und von der Krankenkasse genehmigt; nach dem Weg dorthin können Sie in Ihrer Praxis fragen.

Gewicht: der mechanische Hebel

Beim Gehen wirkt auf Knie- und Hüftgelenk ein Vielfaches des Körpergewichts. Wo Übergewicht besteht, ist eine Reduktion deshalb eine der wirksamsten Maßnahmen überhaupt – und sie wirkt nicht nur mechanisch, weil Fettgewebe auch am Entzündungsgeschehen beteiligt ist.

Realistisch bleiben hilft: Schon eine moderate Abnahme kann Beschwerden spürbar verringern, und in Kombination mit Bewegungstherapie ist der Effekt größer als bei einer der beiden Maßnahmen allein. Eine Ernährungsberatung ist eine Leistung, nach der Sie in der Praxis fragen können; die Übernahme klären Sie mit Ihrer Krankenkasse.

Schmerzbehandlung: Mittel zum Zweck

Schmerzbehandlung bei Arthrose hat ein klares Ziel: Bewegung möglich machen. Sie ersetzt die Bewegungstherapie nicht, sie ermöglicht sie.

Welche Substanz für Sie infrage kommt, hängt von Vorerkrankungen ab – Magen, Nieren, Herz-Kreislauf – und von allem, was Sie ohnehin einnehmen. Diese Auswahl gehört in die Praxis oder Apotheke und nicht in einen Ratgeber; hier stehen deshalb bewusst keine Wirkstoffe und keine Dosierungen.

Zwei allgemeine Punkte lassen sich trotzdem festhalten: Eine Schmerzbehandlung, die dauerhaft läuft, gehört regelmäßig überprüft. Und nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Wärme oder Kälte richten sich schlicht danach, was Sie als angenehm empfinden.

Hilfsmittel und Anpassungen im Alltag

Dieser Baustein wird am häufigsten übersehen, obwohl er sofort wirkt:

  • Gehstock, getragen auf der Gegenseite des betroffenen Gelenks – das entlastet am wirksamsten
  • Einlagen, Pufferabsätze, gut dämpfendes Schuhwerk
  • Bandagen oder Orthesen, wenn Instabilität oder Fehlstellung eine Rolle spielen
  • Anpassungen in der Wohnung: Sitzhöhen, Haltegriffe, Dinge in Griffhöhe, Stolperfallen weg
  • Anpassungen bei der Arbeit: Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, Hebehilfen

Hilfsmittel werden ärztlich verordnet und im Sanitätshaus angepasst. Die Anpassung ist der entscheidende Teil – ein Hilfsmittel, das nicht passt, wird nicht benutzt.

Spritzen ins Gelenk

Injektionen sind ein häufiges Thema und lohnen eine nüchterne Einordnung.

Kortison kann eine aktivierte Arthrose mit Schwellung und Entzündungszeichen kurzfristig beruhigen. Die Wirkung ist zeitlich begrenzt, und die Zahl der Anwendungen wird bewusst niedrig gehalten.

Hyaluronsäure wird häufig angeboten; die Studienlage ist uneinheitlich. In der Regel handelt es sich um eine Selbstzahlerleistung – klären Sie Kosten und Erwartung vor der Behandlung, nicht danach. Für Eigenblutverfahren gilt Ähnliches: Datenlage uneinheitlich, meist auf eigene Rechnung.

Jede Injektion in ein Gelenk trägt ein kleines Infektionsrisiko. Wenn nach einer Spritze Schmerz, Schwellung und Überwärmung deutlich zunehmen oder Fieber auftritt, ist das ein Grund, sich umgehend zu melden.

Wie lange schöpft man das aus?

Der Maßstab sind Monate. Übliche Programme laufen etwa drei bis sechs Monate, bevor sich beurteilen lässt, wie weit sie tragen. Wer nach drei Wochen abbricht, hat die Frage nicht beantwortet, sondern nur verschoben.

Damit die Bilanz am Ende belastbar ist, hilft eine schlichte Ausgangsaufnahme zu Beginn: Wie weit können Sie am Stück gehen? Wie viele Treppenstufen? Wachen Sie nachts wegen des Gelenks auf, und wie oft? Was können Sie gerade nicht mehr, das Ihnen fehlt? Diese Notizen sind beim nächsten Termin mehr wert als jede Erinnerung aus dem Kopf.

Woran sich zeigt, dass eine Operation zur Frage wird

Die Entscheidung hängt nicht an einem Wert, sondern an einem Zusammenspiel:

  1. Schmerz, der bleibt – besonders nachts und in Ruhe
  2. Einschränkung im Alltag: Gehstrecke, Treppen, Socken anziehen, Einkauf, Autofahren
  3. konservative Maßnahmen konsequent über Monate, ohne dass es ausreicht
  4. ein Befund, der zu den Beschwerden passt
  5. Ihr eigener Leidensdruck – die Einschätzung, dass es so nicht bleiben soll

Fehlt Punkt 3, ist die Entscheidung verfrüht. Und ein Satz zur Ruhe: Ein Gelenkersatz bei Arthrose ist fast nie dringend. Es gibt kein Zeitfenster, das sich schließt, anders als bei einem Bruch oder einer Infektion. Diese Ruhe dürfen Sie sich nehmen.

Was danach kommt – Aufklärungsgespräch, Vorbereitung, Operation, Reha – ist ein eigenes Thema. Dieser Beitrag endet an der Stelle, an der die Entscheidung überhaupt erst ansteht.

Die Rolle der Zweitmeinung

Es gibt zwei Wege, und sie werden oft verwechselt.

Der gesetzliche Anspruch. Für bestimmte planbare Eingriffe besteht nach § 27b SGB V ein Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung. Der Ersatz von Knie- und Hüftgelenk gehört nach Stand 2026 dazu. Die Praxis, die den Eingriff empfiehlt, muss Sie darauf hinweisen und Ihnen die Befundunterlagen überlassen. Weil der Gemeinsame Bundesausschuss die Liste laufend erweitert, ist die aktuelle Fassung auf dessen Seiten maßgeblich; zugelassene Zweitmeinende vermittelt die Terminservicestelle unter 116 117.

Die freiwillige Zweitmeinung. Unabhängig von jeder Liste steht es Ihnen frei, eine weitere Einschätzung einzuholen. Besonders naheliegend ist das, wenn eine Operation vorgeschlagen wird, ohne dass die nicht-operativen Möglichkeiten über einen längeren Zeitraum ausgeschöpft wurden.

Eine Zweitmeinung ist eine Beratung, keine Genehmigung und keine Ablehnung. Sie entscheiden. Und sie ist kein Misstrauensvotum – bei einem Eingriff, der nicht eilt, ist sie schlicht vernünftig.

Wann Beschwerden nicht warten dürfen

  • Gelenk plötzlich stark geschwollen, überwärmt, gerötet, dazu Fieber oder Krankheitsgefühl – umgehend abklären lassen
  • plötzliche Blockade: Das Gelenk lässt sich nicht mehr strecken oder beugen
  • nach einem Sturz: Auftreten nicht möglich oder sichtbare Fehlstellung → 112
  • Schwellung eines Beins mit Schmerz und Überwärmung, erst recht mit Atemnot oder Brustschmerz → 112

Außerhalb der Sprechzeiten und ohne Notfallverdacht hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.

Was Sie zum Termin mitbringen

  • Vorbefunde und Voraufnahmen, auch aus anderen Praxen
  • Medikationsplan
  • eine kurze Verlaufsnotiz: seit wann, was bessert, was verschlechtert, Gehstrecke, Nachtschmerz
  • eine Übersicht der bisherigen Maßnahmen mit Dauer: wie viele Rezepte Physiotherapie, welche Übungen wie lange, welche Hilfsmittel, welche Schmerzbehandlung
  • Ihre wichtigste Frage, aufgeschrieben

Der vierte Punkt ist der, an dem die Entscheidung hängt. Nach Monaten erinnert niemand das aus dem Kopf – und ohne diese Angabe lässt sich nicht beurteilen, ob wirklich ausgeschöpft ist, was ausgeschöpft sein sollte.


Dieser Beitrag ordnet die Behandlung von Knie- und Hüftarthrose allgemein ein. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine individuelle Beratung; welche Maßnahmen in Ihrem Fall sinnvoll sind, klären Sie mit Ihrer behandelnden Praxis. Redaktionell geprüft: August 2026.

HÄUFIGE FRAGEN
Was bedeutet konservative Behandlung bei Arthrose?
Konservativ heißt: ohne Operation. Gemeint ist kein Abwarten, sondern ein aktives Programm aus Bewegungs- und Kräftigungstherapie, Physiotherapie, gegebenenfalls Gewichtsreduktion, einer abgestimmten Schmerzbehandlung sowie Hilfsmitteln und Anpassungen im Alltag. Diese Bausteine wirken zusammen und brauchen Zeit, um sich zu zeigen.
Wie lange sollte man Arthrose ohne Operation behandeln?
Der Maßstab sind Monate, nicht Wochen. Übliche Programme werden über etwa drei bis sechs Monate konsequent durchgeführt und dabei ärztlich oder physiotherapeutisch begleitet, bevor sich beurteilen lässt, wie viel sie bringen. Entscheidend ist, dass die Maßnahmen tatsächlich durchgeführt wurden und nicht nur einmal probiert.
Woran merke ich, dass eine Operation zur Frage wird?
Nicht an einem einzelnen Röntgenbild. Zur Frage wird ein Eingriff, wenn Schmerzen dauerhaft bestehen, auch nachts und in Ruhe, wenn Gehstrecke und Alltag deutlich eingeschränkt sind, wenn die nicht-operativen Maßnahmen über Monate konsequent liefen und der Befund zu den Beschwerden passt. Fehlt der dritte Punkt, ist die Entscheidung verfrüht.
Hilft Bewegung bei Arthrose oder schadet sie dem Gelenk?
Bewegungs- und Kräftigungstherapie gehört bei Knie- und Hüftarthrose zu den Basismaßnahmen und ist gut untersucht. Knorpel wird über Bewegung ernährt, kräftige Muskulatur stabilisiert das Gelenk. Sinnvoll sind gelenkschonende und dosierte Belastungen; welche Übungen und welcher Umfang zu Ihrem Befund passen, legen Sie mit der Praxis oder der Physiotherapie fest.
Habe ich vor einem Gelenkersatz Anspruch auf eine Zweitmeinung?
Für bestimmte planbare Eingriffe besteht ein gesetzlicher Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung nach § 27b SGB V; der Ersatz von Knie- und Hüftgelenk gehört nach Stand 2026 dazu. Die behandelnde Praxis muss darauf hinweisen und Ihnen die Unterlagen überlassen. Die verbindliche und laufend erweiterte Liste der Eingriffe führt der Gemeinsame Bundesausschuss, zugelassene Zweitmeinende sind über die Terminservicestelle unter 116 117 zu finden.
Wann sollte ich mit einem Arthrose-Gelenk sofort ärztliche Hilfe suchen?
Wenn ein Gelenk plötzlich stark anschwillt, überwärmt und gerötet ist und Fieber oder ein deutliches Krankheitsgefühl hinzukommt, gehört das umgehend abgeklärt. Ebenso eine plötzliche Blockade des Gelenks oder Beschwerden nach einem Sturz, wenn Sie nicht mehr auftreten können oder eine Fehlstellung sichtbar ist – dann 112. Außerhalb der Sprechzeiten und ohne Notfallverdacht hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.